Mehr Polizeipräsenz Schusswaffenangriffe in Gießen häufen sich

Vier Schusswaffenangriffe im öffentlichen Raum innerhalb weniger Monate, zuletzt am Lindenplatz am Sonntag. Die Polizei reagiert jetzt mit mehr Präsenz in Gießen. Eine konkrete Gefahr für die Allgemeinheit sieht sie aber nicht.

Nach den Schüssen wurde der Marktplatz in Gießen abgesperrt.
Im Oktober gab es bereits Schüsse auf ein Wettbüro in Gießen Bild © hr/ Arne Bartram
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In Gießen hat es seit Oktober vier Schusswaffenangriffe im öffentlichen Raum gegeben – zuletzt am Sonntagabend. Dabei wurden auf dem Lindenplatz zwei Männer schwer verletzt. Vier Tatverdächtige sind derzeit in Untersuchungshaft. Ihnen wird versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Bereits zuvor hatte es Vorfälle gegeben: Im April fielen Schüsse auf ein Café in der Gießener Innenstadt, im Februar auf ein Lokal im Stadtteil Wieseck. In beiden Fällen wurde niemand verletzt, die Täter sind bislang unbekannt. Schon im Oktober vergangenen Jahres hatte ein Mann in einem Wettbüro am Marktplatz drei Männer mit Schüssen verletzt. Er wurde kurz nach der Tat gefasst.

Polizei spricht von "ungewöhnlicher Häufung"

Der mittelhessische Polizeipräsident Torsten Krückemeier erklärte auf hr‑Anfrage, dass es sich um eine "auffällige Häufung" handle. Vier derartige Taten im öffentlichen Raum in so kurzer Zeit seien in einer Stadt wie Gießen "statistisch ungewöhnlich".

Um das Sicherheitsgefühl zu stärken, erhöhe die Polizei ihre Präsenz im Stadtgebiet. Bereits seit Längerem seien zusätzliche Streifen im Einsatz, dies werde ab dem Wochenende nochmals deutlich verstärkt – auch mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei.

Bis zu 80 zusätzliche Kräfte sollen im Einsatz sein. "Wir wollen zeigen, dass wir da sind und solches Verhalten nicht dulden", sagte Krückemeier.

Polizeipräsident: Keine erhöhte Gefahr für Bevölkerung

Trotz der Vorfälle betonte die Polizei, dass für die Allgemeinheit keine erhöhte Gefahr bestehe. Nach bisherigen Erkenntnissen seien es gezielte Taten gewesen, bei denen es Verbindungen zwischen Tätern und Opfern gab.

Krückemeier sagte, Gießen sei weiterhin eine sichere Stadt. Niemand müsse aus Angst zu Hause bleiben: "Ich bin der Ansicht, dass man das Leben in Gießen genießen kann und auch sollte."

Im jüngsten Fall sei ein Unbeteiligter verletzt worden, der offenbar eingreifen wollte. Die Polizei appelliert: Wer eine Auseinandersetzung beobachtet, sollte sich nicht selbst in Gefahr bringen, sondern den Notruf wählen.

Möglicher Zusammenhang mit Drogen-Milieu

Ob es Verbindungen zwischen den einzelnen Taten gibt, ist weiterhin unklar. "Es ist nicht auszuschließen, dass es Zusammenhänge gibt – aber dafür ist es derzeit zu früh", so Krückemeier.

Ein Mann mit hoher Stirn und einem weißen Kurzarmhemd steht vor einer blauen Wand. Auf dem Namensschild auf seiner Brust steht "Krückemeier", auf der Wand mehrmals "Polizeipräsidium Mittelhessen".
Der mittelhessische Polizeipräsident Torsten Krückemeier. Bild © Rebekka Dieckmann (hr)

Auch ob organisierte Kriminalität eine Rolle spielt, lässt die Polizei offen. Im jüngsten Fall gebe es Hinweise auf Milieukriminalität – bei Durchsuchungen seien unter anderem Drogen gefunden worden. Auch die Gießener Staatsanwaltschaft bestätigt, dass es einen möglichen Zusammenhang mit Drogenhandel gebe.

Deutlich mehr Schusswaffengebrauch

Nach Angaben des Polizeipräsidiums Mittelhessen ist die Zahl der registrierten Schusswaffengebräuche in ganz Hessen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Vor fünf Jahren wurden noch 252 Fälle erfasst, 2025 waren es 419. In Gießen sei der Anstieg vergleichbar: von vier Fällen im Jahr 2021 auf zuletzt zehn Fälle.

Zu beachten sei, dass in diesen Statistiken jegliche Schusswaffengebräuche enthalten sind – also auch Fälle im privaten Bereich, etwa mit Schreckschusswaffen oder bei Suiziden. Wie viele Taten sich im öffentlichen Raum ereignen, wird nicht gesondert erfasst.

Waffenverbotszone kann geplante Taten nicht verhindern

Teilweise ereigneten sich die jüngsten Taten in Gießen im Bereich der Waffenverbotszonen in der Innenstadt, die vor rund sechs Monaten eingerichtet wurden.

Polizeipräsident Krückemeier sieht die Maßnahme weiterhin grundsätzlich positiv – betont aber auch ihre Grenzen: Geplante Taten wie die aktuellen könne eine solche Zone nicht verhindern.

Ziel sei es vielmehr, spontane Eskalationen einzudämmen. Die bei den jüngsten Fällen sichergestellten Schusswaffen seien zudem ohnehin illegal gewesen. Insgesamt beobachte die Polizei zunehmenden Waffenbesitz in der Bevölkerung.

Karte mit einem Ausschnitt der Innenstadt Gießen. Darin sind zwei Flächen rot-gestrichelt umrandet und markiert. Daneben steht "Waffenverbotszonen".
Diese zwei Zonen hat die Stadt Gießen als Waffenverbotszonen ausgewiesen. Bild © Quelle: Stadt Gießen, OpenStreetMap-Mitwirkende, Bearbeitung: hessenschau.de

Videoüberwachung und Kontrollen ausgeweitet

Nach Angaben der Stadt wurden in der Waffenverbotszone bislang mehrere verbotene Gegenstände sichergestellt, überwiegend Messer. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen solle jedoch nicht allein an der Anzahl gemessen werden, so die Stadt. Waffenverbotszonen seien ein Baustein von mehreren zur Kriminalitätsprävention.

Als weiteren Baustein setzt die Stadt Gießen derzeit auf Videoüberwachung. In der Gießener Innenstadt wurde 2024 die Überwachung ausgeweitet. Laut Polizei wurden die Aufnahmen seitdem in rund 50 Fällen für Ermittlungen hinzugezogen. Auch Teile der jüngsten Tat seien aufgezeichnet worden

Sendung: hr1, Die Hessenschau für Mittelhessen,

Quelle: hessenschau.de

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