Architekt Christoph Mäckler im Interview "Ich baue weiter, solange es mir Spaß macht"

Für das neue Terminal 3 am Frankfurter Flughafen hat Architekt Christoph Mäckler viel Lob bekommen. Aufhören will der 75-Jährige trotzdem noch nicht - er hat große Pläne für ein zentrales Bauwerk in der Frankfurter Innenstadt.

Zwei Bilder nebeneinander. Links ist der Architekt vom neuen Terminal 3 am Frankfurter Flughafen zu sehen. Rechts daneben ein Teil des neuen Terminals.
Christoph Mäckler ist der Architekt des neuen Terminal 3 am Frankfurter Flughafen. Bild © picture alliance/dpa | Andreas Arnold, picture alliance / Presse- und Wirtschaftsdienst | Bernd Kammerer, Collage: hr

Der Opernturm, der Tower 185, das Deutsche Romantik Museum, die Kunsthalle Portikus auf der Maininsel: Kaum ein anderer Architekt hat das Bild von Frankfurt so geprägt wie Christoph Mäckler.

Pünktlich zu seinem 75. Geburtstag am 17. April eröffnete nun auch sein jüngstes Werk: das neue Terminal 3 am Frankfurter Flughafen. Der "Spiegel" schrieb dazu anerkennend: "Hier baut Deutschland noch, wie es schon immer bauen wollte: Effizient, präzise, verlässlich".

Im hessenschau.de-Interview erklärt Mäckler, was für ihn gute Architektur und guten Städtebau ausmacht – und warum er über eine Millionen Euro für den Wiederaufbau des Frankfurter Rathausturmes sammelte.

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Architekt Christoph Mäckler im Interview

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Die Fragen stellte Jan Tussing.

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hessenschau.de: Herr Mäckler, das Terminal 3 ist eröffnet, wie geht es Ihnen jetzt gerade?

Christoph Mäckler: Sie finden mich erlöst vor. Das Schlimmste ist hinter mir, die Anspannung ist weg. Sie können sich ja vorstellen, wie viele Leute auf Sie einreden, wie viele Fragen Sie haben. Sie müssen sich vorbereiten. Sie müssen Fotos haben. Sie müssen Antworten parat haben.

Wir haben 20 Jahre an dem Ding gearbeitet und das ist eine unglaublich lange Zeit. Ich brauche Erholung, muss ich ganz ehrlich sagen.

hessenschau.de: Würden Sie sagen, das Terminal 3 ist Ihr Lebenswerk?

Mäckler: Terminal 3 hat unser Büro 20 Jahre lang beschäftigt. Aber wir haben nebenbei auch den Opernturm gebaut und den Portikus auf der Maininsel. Ich baue dauernd weiter, solange es mir Spaß macht und man noch bauen kann.

Jetzt sanieren wir den Sep Ruf-Turm aus den 1960er Jahren (das ehemalige BHF-Bank-Hochhaus, Anm. d. Red.) hinter dem Opernturm. Eine hochspannende Aufgabe, ein Gebäude, das unter Denkmalschutz steht.

Architektur hat so viele Facetten. Wir haben unterschiedlichste Aufgaben, die alle spannend sind. Mein Lebenswerk ist, wenn Sie so wollen, meine berufliche Erfahrung und die Neugier auf Neues.

hessenschau.de: Was verbindet all diese Objekte, die Sie geschaffen haben? Was treibt Sie an, einen Flughafen oder ein Hochhaus oder eine Kindertagesstätte zu bauen?

Mäckler: Was mich am meisten treibt, ist die Frage, was Menschen in meinen Gebäuden empfinden. Das ist für mich das Wichtigste. Ich komme in eine Check-In-Halle: Wie fühle ich, wenn ich diesen Raum betrete? Ist es ein aufregender Raum? Ist es ein beruhigender Raum? Nehme ich ihn überhaupt wahr? Nehme ich ihn nur unterbewusst wahr?

Worüber wir uns als Architekten unglaubliche Gedanken machen, sind bei den Menschen oft nur Empfindungen, die wir ernstnehmen müssen.

Und beim Thema Städtebau: Was empfinde ich, wenn ich eine Straße langgehe? Stehen da Bäume? Hat die Straße schöne Fassaden? Oder ist das einfach alles nur zusammengewürfelter Müll? Das ist leider, was wir heute in unseren Städten erleben. Und das interessiert mich.

älterer Mann mit verschränkten Armen lächelt
Christoph Mäckler bei der Eröffnung des Terminal 3 Bild © picture alliance / Presse- und Wirtschaftsdienst | Bernd Kammerer

hessenschau.de: Gleichzeitig schafft Architektur auch Identität. Wenn wir auf Frankfurt schauen, wo Sie viele Orte mit Architektur gefüllt haben: Wie trägt Architektur dazu bei, ein Gefühl von Identität zu entwickeln?

Mäckler: Ich betrachte die Architektur fast ausschließlich im Rahmen des Ortes, an dem ich baue: Mit welchen Materialien wird da gebaut? In Hamburg bauen sie mit Ziegeln, in München haben sie den Nagelfluh als Naturstein. In Frankfurt haben sie den Main-Sandstein oder den gelben Sandstein. 

Wenn Sie sich den Opernturm angucken, dann gefällt er deswegen allen Menschen, weil der Opernturm mit seinem gelben Naturstein eine Angemessenheit an diesem Platz mit dem zentralen Opernhaus hat. Der Opernturm fügt sich trotz seiner Größe komplett ein.

ein Hochaus in der Frankfurter City
Den Frankfurter Opernturm baute Christoph Mäckler von 2007 bis 2010. Bild © picture alliance / imageBROKER | Schoening

Eigentlich wollte der damalige Bauherr dort ein Glashochhaus bauen. Gott sei Dank sagte Petra Roth, die damalige Oberbürgermeisterin, dem Bauherrn: Ein Glashochhaus ist nicht im Sinne des Architekten.

Das ist die beste Lage in Frankfurt. Wenn ich diese Lage dadurch vergolde, indem ich mein Bauwerk in dem gleichen Material baue wie diese 1-A-Oper, dann vergolde ich meine eigene Immobilie.

hessenschau.de: Wir haben in Frankfurt Naturstein, aber auch viel Glas. Wir haben alles Mögliche an Materialien. Wie würden Sie die Identität von Frankfurt beschreiben?

Mäckler: Dass Frankfurt anders ist, kommt daher, dass die Identität Frankfurts als größte zusammenhängende Fachwerkstadt in einer Nacht abgebrannt ist (durch Luftangriffe im 2. Weltkrieg, Anm. der Red.). Das war wie in Dresden. Aber Dresden hat man dann komplett wieder aufgebaut im Innenstadtbereich. In Frankfurt war nichts mehr.

Also haben wir heute eine andere Identität. Zum einen den Raum am Fluss, das ist etwas Besonderes. Und wir haben eine Hochhaus-Silhouette, die es ein zweites Mal so in Europa nicht gibt. Diese Hochhäuser dürfen auch individuell sein.

Aber im städtischen Raum sollten wir mehr Normalität haben. Keine Glaskisten, keine Blechkisten, sondern ganz normale Häuser mit einer vernünftigen Putzfassade und einem vernünftigen Dach drauf. Das fände ich etwas Wunderbares.

hessenschau.de: Städtebau polarisiert, weil wir uns mit der Stadt identifizieren wollen. Es geht aber auch um Geschmack, und über Geschmack dürfen wir streiten, oder?

Mäckler: Nein, wir können über Geschmack nicht streiten. Warum gibt es zum Opernturm nur Zustimmung? Warum hat noch nie einer gesagt, der sei grauenhaft? Es gibt jede Menge Häuser in unseren Städten, die heftigst kritisiert werden. Aber dieses Hochhaus mit 170 Metern steht direkt neben dem historischen Gebäude der Alten Oper, und alle finden es schön.

Das hat einfach etwas mit der architektonischen Haltung zu tun: Wollen Sie als der große Stararchitekt eine wilde Blech-, Stahl-, Glaskiste dorthin bauen, mit der Sie auffallen? Oder arbeiten Sie im Sinne eines Ensembles?

rot angestrichenes Haus mit spitzem Dach auf der Maininsel
Den 2006 fertiggestellten Portikus auf der Maininsel entwarf Christoph Mäckler im Rahmen des Gesamtkonzeptes zur Wiederbelebung der Alten Brücke. Bild © picture alliance / imageBROKER | G. Thielmann

hessenschau.de: Sie sind jetzt 75 geworden. Wie geht es beruflich für Sie weiter?

Mäckler: Ich schaue nach vorne. Ich habe 1,7 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Rathausturmes gesammelt. Wenn ich mir allerdings diese Stadt hier angucke mit ihrem roten Farbkleister für Fahrradwege, dann frage ich mich: Haben die eigentlich ein Rathaus verdient? Kann es sein, dass es einer Stadtregierung völlig egal ist, die Stadt derart zu vermüllen?

Der Rathausturm ist ein Symbol unserer Demokratie. Und dass die Gesellschaft das auch so sieht, sehen Sie daran, dass wir über 1.200 Spender haben, denen die Gestaltung des öffentlichen Raumes etwas bedeutet. Das ist für mich eine Zukunftsaufgabe.

hessenschau.de: Höre ich hier einen Wunsch heraus, mehr über Stadtentwicklung zu debattieren, zu diskutieren und vielleicht auch zu streiten?

Mäckler: Ich bin bereit, lauter zu werden. Wenn Sie ein Architekturbüro führen mit einer Menge Mitarbeitern, dann haben sie Verantwortung für die Menschen, die dort arbeiten. Wenn Sie ein gewisses Niveau erreicht haben mit einer gewissen Absicherung, dann gibt Ihnen das die Möglichkeit, lauter zu werden. Und das mache ich.

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Frankfurter Architekt Christoph Mäckler

Christoph Mäckler, 1951 in Frankfurt geboren, zählt zu den bedeutendsten deutschen Architekten seiner Generation. Er studierte Architektur in Darmstadt, Aachen, Berlin und New York. Er ist Mitgründer und Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst an der TU Dortmund. Zu seinen bekanntesten Bauwerken in Frankfurt zählen der Opernturm, der Tower 185, das Deutsche Romantik Museum sowie die Kunsthalle Portikus auf der Maininsel und das Flughafenterminal 3. (Quelle: Munzinger Archiv)

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Sendung: hessenschau.de: Architekt Christoph Mäckler im Interview,

Quelle: hessenschau.de