"Wäre großer Verlust" Handwerksbetrieb kämpft für Bleiberecht seines syrischen Mitarbeiters

Geht es nach Bundeskanzler Merz, sollen 80 Prozent der hier lebenden Syrer Deutschland verlassen. Das wäre nicht nur für die Betroffenen selbst bitter, sondern auch für viele Firmen in Deutschland, wie ein Beispiel aus dem Main-Kinzig-Kreis zeigt.

Drei Männer sitzen auf einer Bank vor einem grauen Haus. Sie haben alle einen grauen Pullover mit einem Firmenlogo an. Ein brauner Hund springt an einem der Männer hoch.
Bei Roba-Elementar in Neuberg (von links): Julien Heilmann, Mustafa Masri, Firmenhund Henry und Andreas Falz. Bild © Mia von Hirsch (hr)

Mustafa Hajfattah Masri arbeitet bei der Firma Roba-Elementar in Neuberg im Main-Kinzig-Kreis. Die Firma saniert Gebäude nach Wasser-, Schimmel- und Brandschäden. Hier ist der 43-Jährige als Fachkraft für technischen Rückbau und Sanierungsrückbauarbeiten angestellt - einer von zwei im ganzen Betrieb. Masri findet: "Man fühlt sich hier wohl, die Arbeit und Atmosphäre sind gut."

Mustafa Masri und seine Chefs Andreas Falz und Julien Heilmann lernten sich Ende 2024 über eine Familie kennen, die Roba-Elementar nach einem Brandschaden anheuerte. Masri machte erst ein Praktikum in der Firma und wurde dann vergangenes Jahr angestellt - in einem ihm zuvor fremden Beruf.

Zahlen der Agentur für Arbeit von März zeigen, dass rund 20.470 der rund 59.000 in Hessen lebenden Syrerinnen und Syrer einem Job nachgehen. Hinzu kommen diejenigen Flüchtlinge aus dem langjährigen Bürgerkriegsland, die bereits eingebürgert sind und nicht mehr gesondert in der Statistik auftauchen.

Audiobeitrag

Fachkraft soll nach Syrien abgeschoben werden

Bild © hessenschau.de| zur Audio-Einzelseite
Ende des Audiobeitrags

Viele Syrer arbeiten in systemrelevanten Berufen

"Syrerinnen und Syrer sind ein relevanter Teil des deutschen Arbeitsmarkts", sagt Yuliya Kosyakova, Professorin für Migrationsforschung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), er erwarte, dass 80 Prozent der hier lebenden Syrer Deutschland wieder verlassen, sieht die Arbeitsmarktforscherin kritisch - gerade auch aus wirtschaftlicher Sicht.

Syrer arbeiteten überproportional häufig in systemrelevanten Berufen, so Kosyakova, etwa in der Medizin-, Logistik- oder Lebensmittelbranche oder in Fertigungsberufen. Wäre eine große Anzahl von ihnen plötzlich weg, träfe das besonders die ländlichen Bereiche stark und könne lokal zu Engpässen führen, schätzt Kosyakova. In Engpassberufen wie Pfleger oder Zahntechnikerin entstünden ohne syrische Arbeitskräfte Lücken, die sich kaum stopfen ließen.

Dann der Schock

Mustafa Masri habe sich reingehängt, schnell gelernt und sich gut eingefunden, sagt sein Chef Andreas Falz. Es sei ein körperlich anstrengender, auch mal schmutziger Job, für den man nur schwer jemanden finde. Generell sei Masri ein geschätzter Mitarbeiter in der Firma und arbeite vorbildlich.

Jedoch droht dem Gebäudesanierungsbetrieb Roba-Elementar nun eine empfindliche Lücke. Denn Mustafa Masri hat eine Ausreiseaufforderung erhalten. Er soll zurück nach Syrien.

Ein Mann mit blauer Kappe und blauem Pulli schaut freundlich in die Kamera. Er steht vor Autos auf einem Parkplatz.
Mustafa Masri auf dem Firmengelände von Roba-Elementar in Neuberg. Bild © Mia von Hirsch (hr)

Für das Neuberger Unternehmen wäre das nicht nur menschlich ein schwerer Verlust, sondern auch wirtschaftlich, sagt Geschäftsführer Falz: "Dann können wir 50 Prozent der Arbeiten im Bereich Rückbau und technische Trocknung gar nicht mehr ausführen." Weil Masri eine von zwei Arbeitskräften in dem Bereich ist. Zu den Kunden von Roba-Elementar zählen Hausverwaltungen, Versicherer, Privatkunden und Kommunen, zum Beispiel die Stadt Frankfurt.

Wäre eine Rückkehr nach Syrien sicher?

Timmo Scherenberg vom Hessischen Flüchtlingsrat findet, eine Rückkehr müsse in Würde und Sicherheit möglich sein. Derzeit sei es unverantwortlich, Menschen wie Mustafa Masri nach Syrien zu schicken. Das Land sei weiterhin größtenteils zerstört. Er verweist zudem auf Israels Angriffe im Nachbarland Libanon, die viele Menschen derzeit nach Syrien flüchten ließen.

Für Scherenberg ist klar: "Syrien hat andere Probleme, als noch zusätzlich Menschen aus Deutschland aufzunehmen." Die Forderung von Kanzler Merz nach einer Ausreise der allermeisten Syrerinnen und Syrer aus Deutschland findet er "dreist". Über viele Jahre hier lebende und zum Teil aufgewachsene Menschen loswerden zu wollen, widerspreche deren Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.

Darüber hinaus hält der Geschäftsführer des Flüchtlingsrats das Ansinnen von Merz für "maximal unrealistisch". Nach Auskunft der Bundesregierung wurden im vergangenen Jahr rund 23.000 Menschen gleich welcher Nationalität abgeschoben. Nun gehe es um rund 700.000 hier lebende Menschen allein aus Syrien, so Scherenberg.

So kam es zur Ausreiseaufforderung

Alle Syrerinnen und Syrer in Deutschland hätten zudem einen Schutzstatus und Aufenthaltstitel, erläutert Scherenberg. Das lasse sich auch nicht so schnell ändern. Vielmehr müsse das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge für jeden Einzelfall ein sogenanntes Widerrufsverfahren durchführen, falls eine Abschiebung angestrebt werde.

Wie kam es dann zur Aufreiseaufforderung für Mustafa Hajfattah Masri?

Den Verlust des Schutzstatus' für Syrer riskiert, wer in sein Herkunftsland zurückreist. Das ist bei Masri der Fall.

Der 43-Jährige flüchtete 2015 vor dem blutigen Bürgerkrieg in Syrien, nach Monaten kam er nach Deutschland. Hier lief es nicht gut für ihn, wie er erzählt. Trotz 40 Bewerbungen habe er keinen Job gefunden, nicht einmal Regale im Supermarkt einräumen habe er gedurft. Er habe in seinem Auto gelebt und sei perspektivlos gewesen. 2021 entschied er sich zurückzugehen, obwohl in Syrien noch immer der Bürgerkrieg tobte.

Doch nach nur drei Wochen in seinem alten Heimatland sei er erneut auf der Flucht gewesen, schildert Masri. Drei Monate, tagelange Fußmärsche und tausende Euro an Ausgaben für die Schleuser später kam er wieder nach Deutschland.

Schutzstatus verloren

Schließlich nahm eine Familie ihn bei sich auf. Und er fand endlich einen Job. Doch seinen Schutzstatus hatte Mustafa Masri durch seine zwischenzeitliche Rückreise verloren.

Nun soll er also abgeschoben werden. Für seine Chefs Andreas Falz und Julien Heilmann ist das unverständlich. Sie wandten sich an Lokalpolitiker und Behörden, organisierten ihrem Mitarbeiter einen Anwalt und sprachen mit ihm über seine Möglichkeiten, doch in Hessen bleiben zu dürfen. Der Anwalt klagt nun vor dem Verwaltungsgericht gegen die Ausreiseaufforderung der zuständigen Ausländerbehörde.

Timmo Scherenberg vom Flüchtlingsrat sagt, eine Abschiebung sei juristisch anfechtbar und bedeute somit eine hohe Arbeitsbelastung für die Verwaltungsgerichte. Erst nach der Prüfung des Widerrufsverfahrens könne eine Prüfung durch die Ausländerbehörde erfolgen, ob ein Mensch abgeschoben werden kann oder andere Gründe für einen Aufenthalt in Deutschland hat - zum Beispiel eine feste Arbeitsstelle.

Das sagt das Innenministerium

Der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) teilt auf hr-Anfrage mit, das Asylsystem sei kein Instrument der Einwanderung, auch wenn Deutschland aktuell in aller Welt nach Arbeitskräften sucht. Er unterstütze das Vorhaben, wieder nach Syrien abzuschieben, schreibt Poseck: "Dabei darf nicht abgewartet werden, bis das Land vollständig wieder aufgebaut ist. Trotz weiterhin bestehender Herausforderungen in Teilen Syriens ist es nun auch geboten, dass insbesondere junge Männer sich am Wiederaufbau ihres Herkunftslandes beteiligen."

Besonders Straftäter und Menschen, die seit längerer Zeit Leistungen aus den Sozialsystemen beziehen, sollten abgeschoben werden, findet Poseck. Viele Syrerinnen und Syrer seien in Deutschland mittlerweile gut integriert, schreibt er weiter - sie scheint Hessens Innenminister nicht abschieben zu wollen.

Er sehe, schreibt Poseck, dass sie "verantwortungsvolle Aufgaben - etwa im medizinischen Bereich - übernehmen und ihren Lebensunterhalt eigenständig sichern. Um diese Personen geht es nicht. Sie verfügen häufig bereits über einen gesicherten Aufenthaltsstatus und sollen auch weiterhin in Deutschland bleiben können."

Zwischen Hoffen und Bangen

Als gut integriert sieht die Firma Roba-Elementar ihren Mitarbeiter Mustafa Masri auch, nicht nur im Job. Wegen der drohenden Abschiebung habe sein syrischer Mitarbeiter Albträume, plötzlich nachts aus dem Bett gezogen und mitgenommen zu werden, erzählt Andreas Falz. Zwar sei sein Aufenthalt in Hessen während des laufenden Widerrufverfahrens vorerst sicher. Doch umso bewundernswerter finde er es, mit welcher Motivation Masri jeden Tag bei der Arbeit auftauche, sagt Falz.

Mustafa Masri selbst erzählt, dass er jeden Abend lange Spaziergänge mit seiner Thermoskanne mache. "In der Natur fühlt man sich einfach wohl, frei, die saubere Luft und die Farben der Natur", schwärmt er. Er hofft nun auf den Anwalt, der Einspruch gegen die Ausreiseaufforderung eingereicht hat. Gleichzeitig sorgt er sich, was ihn in Syrien erwarten könnte, falls er wirklich gehen muss.

Formular

Hessen am Abend - Der hessenschau-Newsletter

Hier können Sie sich für Hessen am Abend anmelden. Der Newsletter erscheint von Montag bis Freitag und hält Sie über alles Wichtige, was in Hessen passiert, auf dem Laufenden. Sie können den Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Hier erfahren Sie mehr.

* Pflichtfeld
Ende des Formulars

Redaktion: Stephan Loichinger

Sendung: hr INFO,

Quelle: hessenschau.de