Zeitzeuge aus Kassel Erst Liquidator in Tschernobyl - dann Flucht vor dem Krieg in der Ukraine

Vor 40 Jahren explodierte in Tschernobyl ein Atomreaktor. Hunderttausende sogenannte Liquidatoren wurden danach unter lebensgefährlichen Bedingungen für Reparaturarbeiten eingesetzt. Einer von ihnen lebt heute in Kassel: Sergii Bazeliuk. Erstmals erzählt er seine ergreifende Geschichte.

Collage aus einem Mann, der einen Ausweis vor sich in Richtung Kamera hält und einem historischen s/w-Foto, das ca. 20 Männer und Frauen mit Masken und Schutzhauben in einem Bus sitzend zeigt. Angeordnet vor einem blauen Hintergrund.
Sergii Bazeliuk (63) zeigt seinen alten Zugangsausweis zum Kraftwerk Bild © IMAGO / Eastnews / Russia, Rebekka Diekmann (hr), Collage: hessenschau.de

Im April 1986 ist Sergii Bazeliuk in seinen besten Jahren: 23 Jahre alt, frisch verheiratet, seine Frau schwanger mit dem ersten Kind. Bazeliuk hat einen guten Job – in einer Stadt, die erst wenige Jahre zuvor gebaut wurde: Pripjat.

Im vier Kilometer entfernten Atomkraftwerk Tschernobyl absolvierte er eine Ausbildung zum Kranführer. Bazeliuk hat Fotos aus dieser Zeit dabei: Sie zeigen ihn, seine Frau und Freunde in der damals schönen ukrainischen Stadt. Das berühmte Riesenrad auf dem Rummelplatz, die neue Wohnung im Hochhaus direkt daneben, junge Menschen lachend am Strand.

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Der Tag der Katastrophe

Nie hätte der damals 23‑Jährige für möglich gehalten, dass geschehen könnte, was er später erst aus westlichen Medien erfuhr. Und dass er selbst einmal zu denen gehören würde, die heute als Liquidatoren von Tschernobyl bekannt sind.

Am 25. April – dem Tag vor dem Reaktorunfall – wollen Sergii Bazeliuk und seine Frau eigentlich in den Urlaub fahren. Sie verschieben die Reise jedoch um einen Tag: Der Schwiegervater ist spontan nach Pripjat zu Besuch gekommen.

Historisches s/w-Foto:  Ein Mann steht vor einem Riesenrad, daneben Wohn-Hochhäuser.
Sergii Bazeliuks Wohnung lag in der Nähe des berühmten Riesenrads von Pripjat Bild © privat

Am nächsten Morgen geht die Familie zum Busbahnhof, um nach Kiew zu fahren, doch alle Fahrten wurden abgesagt, erinnert sich Bazeliuk. "Mir war übel, ich musste mich übergeben. Meiner Frau war auch schlecht, aber bei ihr hielten wir es für Schwangerschaftsübelkeit."

Rauch, Sirenen, Strahlung

Bazeliuk sieht den Rauch über dem Kraftwerk, hört die Sirenen. Männer in Schutzanzügen besprühen die Bushaltestellen mit einer schaumartigen Substanz. Bazeliuk weiß: Das sind Vorsichtsmaßnahmen gegen Strahlung.

Trotzdem läuft der Alltag in Pripjat an diesem Tag weitgehend normal, erzählt er: Leben auf den Straßen, auf dem Markt wird Schaschlik verkauft.

"Die Miliz erklärte, es handele sich um eine Übung - ich wusste aber: Da stimmt etwas nicht", sagt er heute. "Aber dass es so schlimm ist, hätte ich nie gedacht." Anders als viele andere verlässt die Familie noch am Samstag die Stadt in Richtung Kiew.

"Ich dachte, die lügen"

In der Nacht hört er erstmals auf ausländischen Radiosendern, dass ein Reaktor explodiert sein soll. "Das erschien mir unmöglich. Ich dachte, die lügen."

Wenige Tage später wird die Familie in Kiew von der Polizei abgeholt und auf akute Strahlenkrankheit untersucht; es geht ihnen gut. Dann erreicht Bazeliuk eine Nachricht des Energieministeriums: Nach dem Urlaub soll er sich bereithalten – als Liquidator, zum Aufräumen und Reparieren. Das Angebot: ein vergleichsweise hohes Gehalt und eine Wohnung für die Familie in Kiew.

Liquidatoren: Hunderttausende im Einsatz

Das ganze Land wird mobilisiert. Insgesamt werden laut Bundesamt für Strahlenschutz schätzungsweise rund 600.000 Menschen als Liquidatoren eingesetzt, darunter etwa 100.000 Soldaten.

Historisches s/w-Foto: Ca. 20 Männer und Frauen sitzen in meist weißer Arbeitskleidung in einem Bus, dessen Fenster verkleinert wirken. Sie tragen Schutzmützen und Mund-Nasenschutz.
Die Liquidatoren fuhren in bleigeschützten Bussen zum Kraftwerk Bild © IMAGO / Eastnews / Russia

28 Menschen kamen in den Monaten nach dem Unfall an akutem Strahlensyndrom ums Leben. Wie viele der Liquidatoren aber später noch aufgrund erhöhter Strahlendosen erkrankten oder starben, lässt sich nicht genau beziffern. Studien zeigen ein erhöhtes Auftreten von Krankheiten wie Schilddrüsenkrebs, Leukämien oder Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen.

Sieben Minuten Aufenthaltsdauer

Im Sommer beginnt Bazeliuks erster Einsatz im Katastrophengebiet. Die Liquidatoren leben etwa 30 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Untergebracht werden sie auf Schiffen, da für die tausenden Einsatzkräfte kein anderer Wohnraum verfügbar ist. Auch Sergii Bazeliuk wohnt auf einem solchen Schiff. In bleigeschützten Bussen gelangen er und seine Kameraden täglich in die Sperrzone.

Im Kraftwerk ist er beteiligt an technischen Reparaturarbeiten an den Hauptzirkulationspumpen, meistens in Block eins und zwei. Besonders gefährliche Einsätze – etwa auf dem Dach von Block vier – übernehmen vor allem Soldaten. Für das Fachpersonal gelten strenge Vorgaben zur Exposition, berichtet Bazeliuk, um möglichst lange Einsatzzeiten zu gewährleisten.

Archivaufnahme des zerstörten Reaktors in Tschernobyl
Archivaufnahme des zerstörten Reaktors in Tschernobyl Bild © Volodymyr Repik/AP/dpa

Am nächsten kommt Bazeliuk dem zerstörten Bereich bei Arbeiten im dritten Block. Die erlaubte Aufenthaltsdauer beträgt dort rund sieben Minuten.

Über manches von damals kann er heute durchaus schmunzeln. Etwa über das kleine Dosimeter, das er und seine Kollegen stets bei sich tragen mussten. "Bleistift" wurde es genannt, wegen des kleinen Zeigers. "Wenn der Stift einen kritischen Wert erreicht, weißt du: Lass alles liegen und renn." Wie oft das passiert sei? Bazeliuk lacht leise. "Oft, oft."

Abschied von Pripjat

Bazeliuk trägt jedoch auch viel Schwere in sich. Wenn er über Kameraden spricht etwa, Kollegen und Freunde, von denen viele nicht mehr leben. Auch sein Schwiegervater, der am 26. April spontan zu Besuch nach Pripjat kam, sei später an Krebs gestorben.

Ein besonders schwerer Moment sei ein Tag im Sommer gewesen, es müsste im August gewesen sein, erinnert sich Bazeliuk. Er und einige andere ehemalige Bewohner dürfen noch einmal kurz nach Pripjat zurück, in die verlassene Stadt.

Historisches s/w-Foto: Ein Mann steht vor einem Gebäude und winkt in Richtung Kamera.
Sergii Bazeliuk: "Ich habe diese Stadt sehr geliebt." Bild © privat

In der Wohnung holen sie wichtige Dinge, vor allem Dokumente. Eine Stunde Zeit haben sie. Pripjat ist da bereits zugewuchert, Hunde streunen umher, alles ist verlassen.

"Auf dem Rückweg im Bus haben viele geweint", sagt er. Darüber, alles für immer zurückzulassen und nicht zu wissen, was kommt. Manche hätten richtig geschluchzt – dabei bricht ihm selbst die Stimme.

2022: Wieder Flucht

Drei solcher Einsätze macht er mit, jeweils 15 Tage lang. Wie viel Strahlung er insgesamt abbekommt, weiß er bis heute nicht. Gesundheitliche Schäden wurden bei ihm bislang keine festgestellt, sagt er. Auch sein Sohn kam 1986 gesund zur Welt.

Später zieht die Familie in die Nähe von Odessa. Vor vier Jahren erlebt Bazeliuk dort eine weitere Katastrophe: Krieg in der Heimat. Er flieht erneut – diesmal nach Hessen. Heute arbeitet er in Kassel als Lkw‑Fahrer, sein Sohn ist noch in der Ukraine.

"Ich wünsche mir, dass die Menschen gütiger werden. Dass sie einander respektieren und schätzen, dass sie im Heute leben", sagt Bazeliuk.

Am wichtigsten sei jedoch, den Frieden zu bewahren. Gerade heute – besonders für die Ukraine – sei Frieden das Wichtigste.

Ein Mann vor Bäumen im Hintergrund
Sergii Bazeliuk arbeitet heute als Fahrer in Kassel Bild © Rebekka Dieckmann
Sendung: hessenschau.de, Zeitzeuge: Ehemaliger Liquidator aus Tschernobyl lebt heute in Hessen, 26.04.2026, 19:20 Uhr / hr-fernsehen, hessenschau,

Quelle: hessenschau.de