Umgang mit menschlichen Überresten Kasseler Schüler beerdigen Skelett aus dem Biologieraum
Ein menschliches Skelett diente jahrzehntelang als Lehrmaterial an einer Schule in Kassel. Nun wurde es beerdigt. Zuvor hatte eine Schulklasse im Ethik-Unterricht lange über den Fall diskutiert und die Beerdigung geplant.

Das Skelett im Biologieraum ist echt und nicht aus Kunststoff - es war also mal ein Mensch. Für die Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse an der Carl-Schomburg-Schule in Kassel war diese Information ein Schock. Seitdem wurde nicht mehr in Bio, sondern im Fach Ethik über Niran geredet - auf den Namen hatte die Klasse das menschliche Skelett getauft.
Nun wurde Niran auf dem Kasseler Hauptfriedhof beerdigt. Der Fall hat die Schülerinnen und Schüler bewegt, auch wenn der Mensch dahinter für immer unbekannt bleiben wird. "Trotzdem war dieses Leben Teil unserer Welt und hat Spuren hinterlassen," sagte die 16-jährige Biljana in ihrer Grabrede. Es gehe um eine Geste des Respekts: "Jedes Leben ist wertvoll und verdient Erinnerung."
"Wir haben alles geschenkt bekommen"
Schülerin Hana hatte noch nie ein Skelett gesehen und war auch noch nie auf einer Beerdigung. Vor allem die Sargträger von der Friedhofsverwaltung haben sie beeindruckt. "Die haben es ja auch kostenlos gemacht. Wir haben es alles gefühlt geschenkt bekommen, den Sarg, das Grab, den Platz, hier alles." Die Friedhofsverwaltung der Stadt hat die Bestattung ermöglicht.

Für Ethik-Lehrerin Svenja Ewe-Bartsch war der Fall Niran ein bedeutendes Projekt. "Das Besondere hier war, dass man tatsächlich an einem echten Trauerfall arbeiten und schauen konnte, welche Prozesse da in Gang kommen, wenn man sich um eine Beisetzung kümmern muss."
Bei Niran handelt es sich vermutlich um einen jungen Mann aus Indien. "Bis ins 20. Jahrhundert hinein war es üblich gewesen, dass man sterbliche Überreste in Indien quasi bestellen konnte", sagt Gerold Eppler vom Museum für Sepulkralkultur in Kassel. "Und dass die als Lehrmaterial in den Universitäten und in den Schulen gelandet sind."
Hamburg: Menschliche Überreste an 40 Prozent der weiterführenden Schulen
Es ist unklar, wie viele menschliche Skelette in hessischen Schulen stehen, so das Kultusministerium in Wiesbaden. Das liege an der dezentralen Struktur der Lehrmittelbeschaffung. In Hamburg wurde im August 2025 in einer umfassenden Studie festgestellt: An 40 Prozent der weiterführenden Schulen schlummern menschliche Überreste, darunter 22 vollständige Skelette und 46 Schädel.
Das Skelett wird die Klasse auch nach der Beerdigung noch beschäftigen. Denn eventuell soll über einen QR-Code am Grab über die Hintergründe aufgeklärt werden. Jahrzehntelang diente das Skelett Generationen von Schülerinnen und Schülern als Objekt, zur Anschauung. Erst jetzt wurde Niran als Mensch gesehen.