Auwald am Kühkopf Hidden Champion im Klima- und Hochwasserschutz
Feuchtgebiete wie der Kühkopf am Altrhein bei Stockstadt speichern nicht nur viel CO2. Sie schützen auch Anwohner vor Hochwasser und sind ein Hotspot der Artenvielfalt. Wie sie bewahrt werden können.

Enten quaken, Schwäne lassen sich treiben, und etwas entfernt taucht ein Biber vor seinem Bau ab. An diesem winterlichen Tag am Altrhein im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue (Groß-Gerau) zeigen sich nur wenige Tiere.
Dabei ist das 2.400 Hektar große Naturschutzgebiet reich an Fauna. Und es bietet nicht nur Wasservögeln, Rastvögeln, Insekten und anderen Arten Schutz. Es handelt sich zugleich um das größte zusammenhängende Überschwemmungsgebiet entlang des Rheins in Hessen.
Durch den Klimawandel erleben wir immer mehr Wetterextreme. Feuchtgebiete wie der Kühkopf mit seinem Auwald speichern CO2 und puffern Hochwasser ab. Sie sind jedoch durch zunehmende Trockenheit, Flussbegradigung und verstärkte Nutzung bedroht.
Steigt der Fluss, steigt das Wasser in der Aue
Dabei ist der Hochwasserschutz für Städte und Gemeinden in Flussnähe sehr wichtig. "Wenn der Fluss steigt, steigt das Wasser im Altrhein, bis zuletzt die ganze Landschaft überflutet wird", erklärt Ralph Baumgärtel, Leiter des Umweltbildungszentrums am Kühkopf in Stockstadt: "Wenn wir im Sommer hier stehen würden, würden wir üppig sprießendes Grün sehen und vielleicht eine Woche später eine geschlossene Wasserfläche."
Das kann man sich vorstellen wie einen Akku oder einen Puffer. Auengebiete, die tatsächlich noch von einem Fluss gespeist werden, haben ein besonders großes Speichervermögen von Wasser - sowohl bei Hochwasser und auch in Dürreperioden im Sommer.

Bei Hochwasser werde das Wasser in den Auen zurückgehalten, so Baumgärtel. Wenn am Rhein etwa der Pegelstand in einem Zufluss zurückgehe, dann gebe die Aue langsam das Wasser wieder ab und breche so eine Flutwelle.
Der Experte sieht am Rhein weiteres Potenzial für den Hochwasserschutz: "Wir haben viele Bereiche am Rhein, wo es durchaus noch möglich ist, Wege zu öffnen, das Wasser in die Landschaft hineinzulassen und dort für dieses Speichervermögen zu sorgen."
Die meisten Auen am oberen Rhein wurden entwässert
Das unterstreicht Jörg Oehlmann, Professor für Ökotoxikologie an der Frankfurter Goethe-Uni. "Diese Auwälder sind von ihrem Hauptstrom, in diesem Fall dem Rhein, vor vielen, vielen Jahren abgeschnitten worden. Das hängt mit den Begradigungen zusammen, um den Rhein eben auch schiffsfähig zu halten."
Feuchtgebiete mit ihren Auwäldern, Mooren oder Feuchtwiesen sind laut Oehlmann durch die Veränderung der Landschaft und den Klimawandel stark bedroht. Am Rhein zwischen Basel und Bingen seien bereits über 90 Prozent der Auen verschwunden. Das liege meistens an einer Entwässerung, um landwirtschaftliche Flächen sowie Platz für Wohngebiete und Verkehrswege zu schaffen, sagt der Experte.
Uniprofessor: Renaturierung im Sinne der Bürger
Oehlmann verwies darauf, dass auf kommunaler Ebene entschieden werde, wo neue Baugebiete entstehen dürften. Der Druck sei gerade dort groß, wo es an Wohnraum mangele. "Man kann leider in Regionen wie dem Rhein-Main-Gebiet sehen, dass gerade in ehemaligen Überflutungsgebieten an Flussufern neue Baugebiete ausgewiesen werden."
Das ziehe eine lange Kettenreaktion nach sich, warnt Oehlmann. Zum Schutz der neuen Siedlungen und Wege vor Hochwasser müssten zum Beispiel neue Dämme errichtet werden.
Der Frankfurter Uniprofessor findet, die Natur dürfe nicht immer an zweiter Stelle stehen. Er wünscht sich gerade zum Tag der Feuchtgebiete, "dass es auch zu einem guten Interessenausgleich kommt, der letztlich im Interesse der Bürgerinnen und Bürger ist, wenn ihnen die Keller am Ende nicht volllaufen sollen".
Landwirtschaft braucht wegen Klimawandel mehr Wasser
In ganz Hessen verringerte sich die Fläche der Feuchtgebiete bis in die 1990er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein stark. Das europäische Schutzgebietsnetz "Natura 2000" umfasst derzeit mehr als 400.000 Hektar Fläche. "Das entspricht etwa 21 Prozent der Landesfläche. Viele dieser Flächen enthalten eben auch Feuchtgebiete", erklärt Oehlmann, der auch Sprecher des Kompetenzzentrums Wasser Hessen ist.
Der Rückgang von Feuchtgebieten ist nicht nur der zunehmenden Bebauung geschuldet. Der Klimawandel geht mit einem erhöhten Bewässerungsbedarf einher: In der Landwirtschaft werde dafür Grundwasser, aber auch Oberflächenwasser genommen. "Das setzt die Feuchtgebiete direkt unter Druck, die nicht mehr ausreichend versorgt werden", so Oehlmann.

Experte: Wertvolle Flächen dürfen nicht verloren gehen
Deshalb seien Renaturierungen wichtig, betont Jörg Oehlmann. Die wertvollen Flächen dürften nicht verloren gehen. Es müsse möglich sein, dass zum Beispiel Auwälder regelmäßig überflutet werden, damit sie ihre natürlichen Funktionen erfüllen können.
"Wir brauchen Flächen, die natürlicherweise CO2 speichern", stellt der Ökotoxikologie-Professor fest. Nach einem Beschluss der Weltnaturkonferenz in Montreal 2022 hat sich die Bundesregierung 2024 immerhin zu einem Ziel verpflichtet: Bis 2030 sollen 30 Prozent der Flächen an Land und auf dem Meer geschützt werden. Das würde auch den Feuchtgebieten, speziell den Auwäldern, nutzen.
Auwälder können viel mehr CO2 speichern als Buchenwälder
Auwälder sind sehr nährstoffreich und damit ideal für die Kohlenstoffspeicherung. Ein normaler Wald, etwa ein Buchenwald, kann nach Angaben von Ralph Baumgärtel vom Umweltbildungszentrum Kühkopf bis zu 120 Tonnen CO2 pro Hektar speichern. Ein Auwald schaffe es, 250 Tonnen und in der Spitze bis zu 800 Tonnen pro Hektar zu speichern.
Hochwasser ist in den Auen der dynamische Faktor, der das gesamte Leben bestimmt. "Wir finden hier zum Beispiel keine Buchen oder Kiefern, die sind nicht hochwassertauglich", sagt Baumgärtel. Dafür gebe es die Weide, sie könne bis zu 200 Tage lang im Wasser stehen. Die Eiche, die etwas weniger nah am Fluss wurzele, vertrage bis zu 100 Tage pro Jahr im Feuchten. Bei der Esche zum Beispiel seien es nur 30 Tage.

Massives Eschensterben im Auwald
Um den Auwald zu schützen, wird er im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue weder bewirtschaftet noch durch Anpflanzungen ergänzt. "Den Auwald lassen wir einfach mal in Ruhe, beobachten ihn und vertrauen auf die Selbstheilungskräfte der Natur", erläutert Baumgärtel. Die brauchen die Bäume auch.
Die Baumarten selbst sind anfälliger für Schädlinge und Pilze geworden. Am tapfersten schlägt sich in seinem Auwald am Kühkopf die Eiche, wie Baumgärtel erzählt. Die Esche und der Bergahorn dagegen hätten große Probleme, viele würden absterben. "Die Esche ist vorbelastet durch die Klimaveränderung und mit einem Pilz infiziert, der aus Asien kommt und gegen den sie sich nicht wehren kann." Insofern gebe es ein massives Eschensterben, das die Struktur des ganzen Auwaldes verändere.
Für Hessen Forst sind die Auwälder im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue jedenfalls eine Erfolgsgeschichte. In den 1980er Jahren habe in dem Gebiet noch intensiver Ackerbau die Landschaft dominiert. Heute wachsen dort über 400 Hektar naturnahe Auwälder, wie der Landesbetrieb mitteilt. Nach schweren Überschwemmungen hätten sich Kreis und Land vor mehr als 40 Jahren dazu entschieden, am Kühkopf wieder einen naturnahen Auwald wachsen zu lassen.